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Führung durch die Kirche St. Sebastian

Bronzetafel

Einführung

Kirche v. rechts

Geplant 1952 und 1954 fertig gestellt. Architekt, Alfons Leitl (1909 - 1975)

1990 – St. Sebastian wird unter Denkmalschutz gestellt
„Eine der bedeutendsten Nachkriegskirchen des Rheinlandes.” (Zitat Denkmalamt)

Unsere Kirche ist ein Zeugnis für den Umbruch in der Gesellschaft und dem zufolge auch in der Architektur.

Geprägt ist dieser Wandel im Wesentlichen von 3 Geschehnissen:

  1. Nach dem Krieg gab es einen erstarkten Gemeinschaftssinn in der Gesellschaft.

  2. Die moderne Architektur mit neuen Baustoffen setzt sich mehr und mehr durch.

  3. In der katholischen Kirche gab es die liturgische Bewegung.

Ich möchte nun die einzelnen Punkte näher erläutern:

Gemeinschaftssinn

Das Wir-Gefühl, das Näheraneinanderrücken nach den traumatischen Jahren des Krieges war auch in unserer Gemeinde spürbar. Mit großer Anstrengung und persönlichen Entbehrungen zum Nutzen der Gemeinschaft, entstanden im Eigenbau auf der Hörn mehrere Siedlungen (zu entnehmen der Chronik). Zwangsläufig resultierte daraus der Wunsch nach einer Kirche, in der man sich nun als Gemeinde regelmäßig treffen und austauschen konnte.

Architektur

In den 50iger Jahren, zur Planungsphase unserer Kirche, ist die Architektur und im Besonderen die Sakralarchitektur im Umbruch. Bedeutende Architekten haben schon zwischen den Weltkriegen begonnen, einen neuen Weg einzuschlagen. Zu nennen für Deutschland sind vor allem Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz.

Der Jugendstil mit seiner romantischen Verspieltheit war überwunden – eine neue Sachlichkeit war gefragt. Man kann von einer Gegenbewegung sprechen.. Der deutsche Werkbund und resultierend das Bauhaus zeigten ihre Prägung mit dem neuen Stil. Die modere Kunst und Architektur war geboren.

Die neue Gesinnung war: Vereinfachung auf das Wesentliche, für den Kirchenbau bedeutete dies sakrale Sachlichkeit.

Das Anliegen wird in einem Ausspruch von Rudolf Schwarz deutlich:

„Wir können nicht fortsetzen, wo die alten Dome aufgehört haben, sondern müssen einkehren zu den einfachen und ursprünglichen Dingen des christlichen Lebens.”

Liturgische Bewegung

Der Übergang zum 3. Punkt des Zeitwandels, der liturgischen Bewegung- ist fließend. Was hat was bedingt? Ursprung auf die Rückbesinnung des Gottesdienstes waren nach dem Krieg die Abteien, z.B. Maria Laach. Das Anliegen - die Eucharistie als Mittelpunkt eines Gemeinschaftserlebnisses „Messe” zu gestalten - bedingte natürlich einen adäquaten Raum. Aus dem Zuschauer sollte wieder ein Teilnehmer werden.

Die Architektur St. Sebastians ist, wie schon gesagt, geprägt vom Zeitgeist der 50iger Jahre, der verkürzt lautete:

Vereinfachung auf das Wesentliche, für den Kirchenbau bedeutete dies sakrale Sachlichkeit.

5 Grundsätze/Postulate der damaligen Sakralarchitektur, die Rahmenbedingungen auch für den Architekten A. Leitl waren, sind in St. Sebastian eingeflossen:

  1. Der Einraum – als Ausdruck für Einfachheit und Gemeinsamkeit der Gemeinde, großgegliederte Räume aus geometrischen Grundformen, die die Gemeinde und das Sanktissimus (Altarraum) umfassen. z.B. Fronleichnamskirche–Raumquader

  2. Der Altar ist Mittelpunkt der Gemeinde

  3. Der Einsatz neuer Baumaterialien wie Stahlbeton, für weitgespannte, offene Hallen

  4. Der Symbolcharakter des Kirchenraumes, Benutzung kubischer Formen z.B. Kreis: Unendlichkeit drei Schalen: Dreifaltigkeit kreuzende Ellipsen: Kreuz (Urform)

  5. Die Liturgische Bewegung nimmt Einfluss, d.h., die Eucharistie ist der Mittelpunkt des Gemeinschaftserlebnisses Messe

St. Sebastian

Rundbogen-Eingang

Betreten der Kirche durch Rundbogen-Eingangsbereich, sowohl im Grundriss wie im Dachverlauf konisch zulaufend. Gleich einem Trichter wird man in die Kirche gezogen.

Innenraum, fast ein Einraum mit Hallencharakter. Ein Dach, das die Gemeinde überspannt. Die Gemeinde soll sich als Gemeinschaft fühlen. Keine Seitenschiffe, die teilend wirken. Dieser Denkansatz geht auf die liturgische Bewegung zurück.

GrundrissGrundriss ist ein Quadrat (Gemeinde + Chor), geometrisches ‚Grundprinzip. Auch typisch für die angestrebte Sachlichkeit durch Reduzierung auf klare Formensprache. 2/3 Fläche für die Gemeinde - Rechteck zur üblichen Ausrichtung um 90° gedreht. 1/3 Fläche für den Altarbereich.

Dadurch wird eine auf den Altar bezogene Raumordnung erreicht. Für die liturgische Bewegung ist der Altar mit der Eucharistiefeier der Mittelpunkt des Gemeinschaftserlebnisses Messe. Eine weitere Dominanz des Altars, als Mittelpunkt der Liturgie, drückt sich in der Erhöhung des Altarbereiches und der Lichtführung aus. - Großes Fenster, das den Altarbereich erhellt, Fenster im Chorbereich - heute durch neue eingezogene Decke nicht sichtbar.

Der Altar selbst ist nun nicht mehr der Thron Gottes, der reich ausgestattet und verziert war, sondern Tisch des Herrn, wo immer wieder sein Opfer zelebriert wird.(Lith.Bew.) Ursprünglich gab es zu beiden Seiten des Altars im Anschluss Kommunionbänke, die den Altar verlängerten. Dies jedoch bedeutete eine Art Trennung von der Gemeinde, darüber hinaus kam es zu Unfällen im Grenzbereich, die schließlich zum Abbau führten.

Die immer wieder angestrebte sakrale Sachlichkeit wurde baubar durch neue Baumaterialien, allen voran der Stahlbeton, der weitgespannte, offene Hallen erst möglich machte.

Das Tragwerk
Lockwell

Den Hallencharakter finden wir zu dieser Zeit oft. Das Material Stahlbeton ermöglicht es große, stützenfreie Räume zu schaffen. Für die Kirche wurde aber abgrenzend ein sakraler Anspruch erhoben, der über das Zweckmäßige hinausgehen sollte. Der Architekt hat dies durch die wellenförmige Dachstruktur zum Ausdruck gebracht, die dem eher nüchternen Werkstoff eine bewegte und lebendige Form verleiht. Gleich den Wellen des Lebens, auf denen wir mal oben, mal unten treiben – (eine mögliche Interpretation der Symbolik).

Spitzname: Lockwell bzw. Ondulata

Neben der Symbolik gibt es aber auch handfeste statische Vorzüge. Architekt Leitl hat 1949 mit der Kirche St. Martin in Aldenhoven bei Jülich die erste Schalenbetonkirche Deutschlands gebaut.

In St. Sebastian ist das Tragwerk eine Fortsetzung seines Weges, neuartige Dachstrukturen zu entwickeln. Die Formensprache von Bogen / Welle hat er weitergeführt.

Was sind die Vorzüge einer Welle, wenn man eine große Spannweite überbrücken möchte?

Tragwerkplanung / Statik: Prof. Hirschfeld, RWTH Aachen, Fakultät Bauingenieurwesen.

Außergewöhnliche Spitzenleistung bei den Rohbauarbeiten: Betonwelle in einem Zug innerhalb von 36 Stunden ohne Pause betoniert (13. u. 14.08.1953).

Fachwerkträger

Der Fachwerkträger aus Stahlbeton ist erst auf den 2. Blick erkennbar. Er liegt auf gleicher Höhe zur Dachwelle (Obergurt = Oberkante Welle und Untergurt = Unterkante Welle). Somit tritt dieses Haupttragelement (hohe Belastung aus Wellen- u. Tonnendach) geometrisch und optisch in den Hintergrund. Aufgelagert ist dieser Träger auf 4 Punkten mit statisch optimalen Spannweiten: Ein großes Mittelfeld und zwei kürzere Endfelder. Diese „Öffnungen” entsprechen auch der Nutzung.

In der Mitte die große sich öffnende Geste, die von den zwei Stahlbetonstützen gerahmt wird und den Blick zum zentralen Handlungsort leitet. Diese Stützen sind sehr schlank. Nach oben hin verjüngen sie sich leicht im Durchmesser, der sich wiederum zum Ende leicht (fast kelchförmig) aufweitet. Auf den Stützenköpfen liegen kleinere (quadratische?) Auflagerelemente, die eine Schattenfuge zwischen Stütze und Fachwerkträger bilden. Die Lasten und das Tragen sind hier scheinbar getrennt – optisch schwebt fast der Fachwerkträger. Gemeinsam mit der kelchförmigen Ausbildung bildet das Distanzelement (Fuge) eine moderne Interpretation des Stützenkopfmotivs.

Tonnendach

Westfenster Das Tonnendach über dem Altarbereich: Leitl schafft durch die Überhöhung eine Betonung. Der Formenkanon wird beibehalten (Welle / Bogen, Eingang). Gleichzeitig bildet es eine große Fensterfläche zur Westseite nach historischem Vorbild, die den Altarbereich aufhellt.

Symbol = Unser Weg führt ins Licht (Lumen Christi)

Formbedingte akustische Probleme: Schallrichtung nur in einer Achse mit Flatterecho im Tonnenbereich. Deshalb musste eine Schallrefflektionsdecke eingezogen werden. Der Schall wird nun zum Teil in den Gemeindebereich (Wellendecke) umgeleitet. Diese bauliche Ergänzung kommt dem Einraumcharakter zu Gute.

Seitenkapelle

Seitenkapelle, hier zieht sich der Einzelne zum Gebet zurück. Zur Abgrenzung gegenüber dem Hauptraum ist die Decke deutlich niedriger gehalten, und somit der intimere Charakter hervorgehoben. Die Stellung der im Grundriss rechteckigen Stützen unterstreichen diese Haltung (in Längsrichtung = Geschlossenheit / senkrecht zur Raumachse = Transparenz, Verbindung zum Hauptraum.

Taufkapelle
Tauffenster

Taufkapelle, Verlängerung der Seitenkapelle, im Schnittpunkt der beiden Eingänge. Zwei Stufen tiefer gelegt als Symbol des „Beckens”. Fenster der Taufkapelle (Fische) und über dem Haupteingang (Lamm): Anton Wendling (u.a. Hochschuldozent RWTH Aachen, Fakultät Architektur), zählt zu den herausragenden Künstlern der Glasmalerei des 20. Jhd.

Künstler Wendling und Pfarrer Gerads haben sich in zwei Fischen verewigt. Wer genau hinsieht, der findet ein W für Wendling und ein G für Gerads.

W G
Grundstein

Grundstein seitlich in Turmmauer. Dieser Stein stammt aus der Mutterkirche Hl. Kreuz, Aachen Pontstraße und wurde durch eine Bombe im 2. Weltkrieg aus dem Mauerwerk herausgesprengt.

Referenzarchitektur

Leitl, Alfons
1909 – 1975

St. Martin, Aldenhoven /Jülich, 1949

Betonschalendecke

Dorfkirche Ingembroich 1951

Faltwerkdecke in Holz

St. Sebastian, Aachen, 1954

Tonnen- und Wellenform in Beton

Christ König, Neuss,1954

Betonkuppelschale auf 4 Stützen

Rudolf Scharz
1897 - 1961

Fronleichnamskirche, Aachen, 1930

Kubus
Stahlbetonrahmen

St. Anna, Düren, 1956

Einraumkirche
Bruchsteinmauerwerk
Betonrahmen / Säulen

St. Andreas, Essen, 1957

Klassischer Grundriss
Betonrahmen

Maria Königin, Köln – Frechen, 1957

Kreuzende Ellipsen (sym. Urform)
Stahlbeton
Mauerwerk

Dominikus Böhm
1880 – 1955

St. Elisabeth, Köln-Hohenlind, 1928

Basilika
Betonstützen
Flachdecke

St. Kamillus, M.Gladbach, 1928

Stahlbetonrundbögen

St. Benedikt, Vaals, 1930

Klosterkirche
fließende Faltwerkstruktur Decke/Wand

St. Engelbert, Köln – Riehl, 1930

Zentralbau
Stahlbetonschalen

Paul Schneider-Esleben
1915 - 2005

St. Rochus, Düsseldorf, 1954

Drei Parabelschalen
Sichtbeton

Quelle: Kirchenführung 2004, ausgearbeitet von Christine Heyden, ergänzt durch mündliche Informationen

Flyer zur Kirche